Loslassen – eine Kunst?

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Im Grunde weiss ich ganz genau, wann es Zeit für einen Neustart ist: Ich habe das Gefühl, mein Leben hat seine Leichtigkeit verloren. Nichts scheint mehr rund zu laufen und ich trage jede Menge Ballast mit mir herum. Irgendetwas stimmt nicht mehr. Irgendetwas passt nicht mehr in mein Leben oder in meine Pläne. Ich muss etwas ändern. Muss ich etwa Loslassen?

Das klingt verlockend nach Leichtigkeit, nach Sehnsucht und Freiheit. Wer möchte nicht frei sein? Von gesellschaftlichen Zwängen, überfordernden Zielen, fremden Werten, von Druck und belastenden Situationen? Aber Freiheit ist an eine Bedingung geknüpft: Um frei zu sein muss ich loslassen. Festhalten ist ein limitierender Faktor auf dem Weg zum „frei sein“.

Doch auch wenn ich die Möglichkeit habe, loszulassen, zögere ich. Ich spüre ein Unbehagen, einen inneren Widerstand, Gewohntes einfach abzulegen um neue Ziele zu verfolgen. Ich hänge an den Dingen, die mir wichtig erscheinen – obwohl ich längst aus ihnen herausgewachsen bin.

Warum fällt das Loslassen so schwer?

Zum einen denke ich, dass „Festhalten“ eher unserer Natur entspricht und Verlustängste tief in uns verankert sind. Wir Menschen sind „Gewohnheitstiere“ mit einem ausgeprägten Bedürfnis nach Sicherheit und Bindung. Unsicherheit löst bei den meisten Unbehagen oder sogar Angst aus, den Sprung ins unbekannte Ungewisse wagen nur wenige wirklich gerne.

Zum andern glaube ich, dass der Begriff „Loslassen“ oft missverstanden wird:

  • Loslassen hat nichts mit Kapitulation oder Aufgabe zu tun
  • Loslassen bedeutet nicht, sich von etwas oder jemandem zu trennen
  • Loslassen bedeutet auch nicht, etwas zu verlieren.
  • Loslassen bedeutet einfach, etwas NICHT festzuhalten.

Der buddhistische Lehrer John Kornfield erklärt es so:

„Dinge loszulassen bedeutet nicht, sie loszuwerden. Sie loszulassen bedeutet, dass man sie sein lässt.“

Sich entscheiden ist auch eine Form des Loslassens

Ein Leben lang treffen wir Entscheidungen. Bei jedem Kauf, den wir tätigen. Bei der Wahl des Berufs oder Partners oder einfach nur bei der Frage, lese ich ein Buch oder schaue ich fern? Entscheidung „für“ etwas bedeutet immer auch eine Entscheidung „gegen“ etwas anderes. Sich entscheiden ist quasi das letzte Glied einer Kette von Verabschiedungen (EntSCHEIDEN = Abschied). Ist Loslassen gleichzusetzen mit einem inneren Abschied?

Macht uns die Endgültigkeit des Loslassens Angst?

Fürchten wir den Verlust und die Leere, weil wir nicht wissen, was danach kommt?

Entscheiden wir uns deswegen an den Wendepunkten unseres Lebens lieber für den vermeintlich einfachen und sicheren Weg?

Festhalten an Altem und Bewährtem bedeutet jedoch oft Kampf und kraftaufreibende Überzeugungsarbeit, um das Gefühl von Kontrolle zu behalten. Von so einer Situation können wir uns entweder frustrieren lassen oder sie als eine willkommene Chance begreifen, um Dinge zu ändern. Warum lassen wir nicht einfach los, was gehen will? Entscheidung bedeutet doch, den Blick von einer Sache abzuwenden und einer neuen zuzuwenden. Warum nehmen wir stattdessen nicht gelassen an, was geschieht und schauen neugierig nach vorne?

Voranschreiten bedeutet auch, Vergangenes loszulassen.

Aber wir können nur dann vorwärtsgehen, wenn wir unter dem Ballast, den wir mit uns herumschleppen, nicht zusammenbrechen. Wenn wir diese Belastungen allerdings loslassen können, haben wir den Kopf wieder frei für unsere Ziele und Projekte, die wir wirklich verfolgen möchten.

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Loslassen braucht Mut

Ich bin überzeugt davon, dass Loslassen eine Kunst ist, die wir im Laufe unseres Lebens lernen müssen. Loslassen ist ein Prozess, ein Weg, der Zeit in Anspruch nimmt. Aber wir dürfen uns mit den Veränderungen nicht selbst überfordern. Immerhin lassen wir in den meisten Fällen Dinge los, die uns einmal viel bedeutet haben.

Die Psychoanalytikerin Katharina Ley schlägt vor, eine "umsichtige Bilanz" zu ziehen. Sowohl das Negative als auch das Positive an alten Gewohnheiten, an Verbindung zu einem Menschen, an bisherigen Aufgaben zu würdigen. Schliesslich haben wir aus dem, was wir aufgeben, einiges gelernt und möchten diese Erfahrung mit in unser weiteres Leben nehmen. Diese „Würdigung, verbunden mit Dankbarkeit ist der Schlüssel, um Dinge gut beenden zu können“.

Loslassen ist eine Option, die uns keine Angst machen sollte. Sie erfordert keine radikalen Schritte oder dramatischen Veränderungen. Warum beginnen wir nicht mit „Loslassen im Kleinen“: Wahrnehmung ändern, Ansprüche herunterschrauben, Ballast abwerfen...?

Mit freundlicher Genehmigung der Lernraumakademie, in deren Lesens.Wert. mein Artikel in ähnlicher Form erstmals erschienen ist. Fotos: © Dimmitrius - Fotolia.com | © HMK

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